Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt Freital,
liebe Gäste,
wir erinnern heute in dieser Stunde an die Opfer eines beispiellosen totalitären Regimes.
Wie in jedem Jahr sind wir hier zusammen gekommen, um an diesem Jahrestag aller Menschen zu gedenken, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind.
Heute, am 27. Januar vor 65 Jahren wurden die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau von Soldaten der Roten Armee befreit.
Dieses Lager steht symbolhaft für millionenfachen Mord – vor allem an Juden, aber auch an anderen Volksgruppen.
Wir gedenken:
Juden, Christen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuellen, politisch Andersdenkenden, Frauen und Männern des Widerstandes, Wissenschaftlern, Künstlern, Journalisten, Kriegsgefangenen und Deserteuren, Greisen und Kindern, an all diejenigen, die verfolgt, gequält und ermordet wurden.
Auschwitz-Birkenau steht für Brutalität und Unmenschlichkeit, für Verfolgung und Unterdrückung, für die in perverser Perfektion organisierte „Vernichtung“ von Menschen. Die Bilder von Leichenbergen, von ermordeten Kindern, Frauen und Männern, von ausgemergelten Körpern sind so eindringlich, dass diese sich bei uns Betrachtern unauslöschlich eingemeißelt haben.
Warum diese Rückschau heute – nach 65 Jahren? Warum vor allem unser Wille, die Erinnerung lebendig zu halten?
Zeitzeugen sterben und Geschichte verblasst schnell, wenn sie nicht Teil unseres eigenen Erlebens waren. Wir wollen Lehren ziehen, die uns und zukünftigen Generationen Orientierung sind.
Geschichte ist die Voraussetzung der Gegenwart und der Umgang mit der Geschichte wird damit zum Fundament der Zukunft.
Wir müssen erinnern, denn im Laufe der Zeit schrumpft auch die größte Barbarei zu einem anonymen Ereignis, das allmählich in ein mildes Licht nüchterner Beschreibung getaucht wird.
Es gab und es gibt viele totalitäre Bewegungen in unserer Welt. Intoleranz, Folter und Mord war nicht auf den Nationalsozialismus beschränkt.
Die Wirkungen dieser Politik waren vor allem deshalb so furchtbar, weil sie sich wohldosiert in das öffentliche Bewusstsein einschlich – ja, weil diese wohldosiert in die Gehirne eindringen konnte.
Die Gewöhnung an die „kleinen Schritte“ half beim Wegschauen und das Wegschauen half, Geschehenes zu übersehen oder gar nicht wissen zu wollen.
Hier zu erwähnen sind scheinbar kleine Einschränkungen des Alltagslebens, die Nadelstiche und Demütigungen, die zu einem Leben ohne Rechte führten:
Die Einengung des Wohnraumes und der Bewegungsmöglichkeiten,
der Ausschluss der Kinder aus den Schulen,
das Verbot des Theater- und Kinobesuches,
das Verbot, öffentliche Verkehrs- und Informationsmittel, ja sogar Parkbänke zu benutzen,
die Wegnahme von Schreibmaschinen, Radios, ja selbst von Haustieren.
Für uns alle ist es deshalb eine entscheidende Aufgabe von heute, eine Wiederholung – wo und in welcher Form auch immer – zu verhindern! Dazu gehört beides: die Kenntnis der Folgen von Rassismus und totalitärem Handeln und die Kenntnis der Anfänge, die oft im Kleinen, ja sogar im Banalen liegen.
Wir Bürger sollten wenigstens einmal im Jahr über das Geschehene nachdenken und darüber, welche Folgerungen daraus zu ziehen sind.
Ganz besonders wichtig erscheint mir, unsere jungen Menschen zu erreichen und ihren Blick für – möglicherweise – kommende Gefahren zu schärfen, den Jungen den Blick zu ermöglichen, woran man die Anfänge erkennt.
Im Kampf gegen die Grundübel des letzten Jahrhunderts kommt es vor allem anderen auf rechtzeitige Gegenwehr an. Es gilt, nicht erst aktiv zu werden, wenn sich die Schlinge schon um den eigenen Hals gelegt hat, nicht abzuwarten, ob die Katastrophe vielleicht ausbleibt, sondern zu verhindern, dass sie überhaupt die Chance bekommt einzutreten.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ heißt es im ersten Artikel des Grundgesetzes.
Eine friedfertige, aufgeklärte, tolerante und offene Gesellschaft ist keine Selbstverständlichkeit. Für ihren Erhalt müssen wir uns alle jeden Tag aufs Neue einsetzen.
Die Würde des Menschen muss für immer unantastbar bleiben!